Abnehmen ist nicht gleich Abnehmen: Warum Gewichtsreduktion individuell geplant werden muss
Gewicht zu verlieren klingt zunächst nach einem einfachen Ziel: weniger Energie aufnehmen, als der Körper verbraucht. Physiologisch ist ein Energiedefizit tatsächlich eine Grundvoraussetzung für eine Reduktion der Körpermasse. In der Praxis greift diese Betrachtung jedoch deutlich zu kurz.
Denn warum ein Mensch Gewicht reduzieren möchte, welche Ausgangssituation besteht und was während der Gewichtsreduktion erhalten werden soll, kann völlig unterschiedlich sein.
Ein Mensch mit Adipositas, der seine Gesundheit und körperliche Belastbarkeit verbessern möchte, benötigt eine andere Strategie als ein Leistungssportler, der seinen Körperfettanteil reduzieren möchte, ohne Kraft, Muskulatur oder sportliche Leistungsfähigkeit einzubüßen.
Trotzdem gibt es eine wichtige Gemeinsamkeit: In beiden Fällen sollte das Ziel nicht einfach lauten, möglichst schnell möglichst viel Gewicht zu verlieren.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie können Körpergewicht und Körperzusammensetzung so verändert werden, dass Gesundheit, Muskulatur, Leistungsfähigkeit und langfristige Umsetzbarkeit möglichst gut erhalten oder verbessert werden?
Adipositas ist mehr als ein Gewichtsproblem
Die moderne Adipositastherapie betrachtet Adipositas nicht lediglich als Folge mangelnder Disziplin oder zu geringer Bewegung. Sie ist eine komplexe chronische Erkrankung, bei deren Entstehung unter anderem biologische, metabolische, psychologische, soziale und umweltbedingte Faktoren zusammenspielen.
Entsprechend sollte eine professionelle Begleitung nicht ausschließlich auf die Zahl auf der Waage ausgerichtet sein.
Die European Association for the Study of Obesity (EASO) betont in ihrem aktuellen Behandlungsrahmen, dass die Behandlung von Adipositas über die reine Gewichtsabnahme hinausgehen sollte. Zu den relevanten Zielen gehören unter anderem die Verbesserung bestehender Begleiterkrankungen, der körperlichen Fitness, des psychischen Wohlbefindens, der sozialen Funktionsfähigkeit und der allgemeinen Lebensqualität.
Eine moderne Adipositastherapie kann daher verschiedene Bausteine umfassen:
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Ernährungs- und Verhaltensinterventionen
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Steigerung der Alltagsaktivität
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strukturiertes Kraft- und Ausdauertraining
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Schlaf- und Stressmanagement
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psychologische Unterstützung
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ärztlich betreute Gewichtsreduktion
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bei entsprechender medizinischer Indikation weitere therapeutische Verfahren
Welche Maßnahmen notwendig sind, ist eine medizinische und individuelle Entscheidung.
Training ersetzt dabei keine ärztliche Behandlung. Es kann jedoch einen wichtigen Bestandteil einer interdisziplinären Betreuung darstellen.
Warum Krafttraining während einer Gewichtsreduktion so wichtig ist
Beim Abnehmen möchten die meisten Menschen Körperfett verlieren. Ein Energiedefizit führt jedoch nicht automatisch ausschließlich zum Verlust von Fettmasse.
Auch fettfreie Masse – insbesondere Muskulatur – kann verloren gehen.
Genau deshalb sollte eine erfolgreiche Gewichtsreduktion nicht ausschließlich anhand des Körpergewichts beurteilt werden.
Regelmäßiges Training und insbesondere Krafttraining setzen einen wichtigen Belastungsreiz für den Erhalt beziehungsweise Aufbau funktioneller Muskelmasse.
Das American College of Sports Medicine weist darauf hin, dass körperliche Aktivität während einer Gewichtsreduktion dazu beitragen kann, den Verlust von Muskelmasse zu reduzieren. Gleichzeitig spielt Bewegung eine wichtige Rolle bei der langfristigen Stabilisierung des Körpergewichts.
Damit verändert sich auch die Zielsetzung: Nicht möglichst wenig wiegen – sondern möglichst viel Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit erhalten.
Gerade bei Menschen, die bisher wenig trainiert haben, können deshalb Fortschritte auftreten, die eine Waage überhaupt nicht abbildet: mehr Kraft, bessere Ausdauer, höhere Alltagsbelastbarkeit, bessere Beweglichkeit und eine veränderte Körperzusammensetzung.
Bei Leistungssportlern gelten andere Regeln
Interessanterweise findet sich das gleiche Grundproblem am anderen Ende des Leistungsspektrums.
Auch ein sehr gut trainierter Athlet kann Körpergewicht reduzieren wollen.
Das Ziel lautet hier jedoch häufig nicht primär „Gesundheitsrisiken reduzieren“, sondern beispielsweise:
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Körperfett reduzieren,
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ein bestimmtes Wettkampfgewicht erreichen,
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das Verhältnis zwischen Körpergewicht und Leistung verbessern,
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Muskelmasse möglichst vollständig erhalten,
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Kraft und Ausdauer erhalten
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oder die Körperzusammensetzung für eine bestimmte Sportart optimieren.
Ein zu aggressives Energiedefizit kann dabei kontraproduktiv werden. Denn für einen Sportler ist weniger Körpergewicht nicht automatisch gleichbedeutend mit höherer Leistungsfähigkeit. Wird die Energiezufuhr im Verhältnis zum Trainingsumfang dauerhaft zu stark reduziert, kann eine problematisch niedrige Energieverfügbarkeit entstehen.
Der Konsensus des International Olympic Committee zum Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) beschreibt, dass eine dauerhaft unzureichende Energieverfügbarkeit zahlreiche physiologische Prozesse beeinträchtigen und sowohl Gesundheit als auch sportliche Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen kann.
Die Aufgabe besteht deshalb darin, einen Kompromiss zu finden: genügend Defizit für eine gewünschte Veränderung der Körperzusammensetzung – aber genügend Energie und Nährstoffe für Training, Regeneration und Gesundheit.
Zwei völlig unterschiedliche Menschen – dieselben Grundprinzipien
Damit treffen sich Adipositastherapie und leistungsorientierte Gewichtssteuerung an einem interessanten Punkt. Der Trainingszustand und die Zielsetzung können vollkommen unterschiedlich sein. Die grundlegenden Steuerungsgrößen ähneln sich jedoch.
Es geht um: Energiezufuhr – Bewegung – Krafttraining – Ausdauer – Regeneration – Muskelmasse – Körperzusammensetzung – Verhalten.
Die Gewichtung dieser Faktoren muss individuell erfolgen.
Eine Person mit Adipositas benötigt möglicherweise zunächst kurze Trainingseinheiten, eine Steigerung der täglichen Schritte und grundlegendes Krafttraining.
Ein Athlet absolviert möglicherweise bereits fünf oder sechs Trainingseinheiten pro Woche und benötigt deshalb keine zusätzliche Bewegung, sondern eine präzisere Steuerung von Trainingsvolumen, Ernährung und Regeneration.
Das Ziel bestimmt die Intervention.
Vom Abnehmen zum Weight Management
Deshalb ist es sinnvoll, nicht ausschließlich über „Abnehmen“, sondern über Weight Management und Körperkomposition zu sprechen.
Das ACSM (American College of Sports Medicine) hat diese Perspektive ebenfalls aufgegriffen und verwendet inzwischen bewusst den Begriff „Exercise for Weight Management“. Bewegung wird dabei nicht ausschließlich als Instrument zur Erhöhung des Kalorienverbrauchs betrachtet. Sie unterstützt unter anderem den Erhalt fettfreier Masse, die körperliche Funktion und die metabolische Gesundheit.
Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel. Training ist nicht die Strafe für zu viele Kalorien. Training ist ein Instrument, um einen leistungsfähigeren Körper zu entwickeln.
Muss dafür jeder in einem Fitnessstudio trainieren?
Nein. Professionelles Training benötigt nicht zwangsläufig einen bestimmten Ort.
Entscheidend sind vielmehr drei Faktoren: Planung, Progression und Kontrolle.
In einer Box oder einem konventionellem Studio stehen natürlich deutlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Krafttraining kann differenzierter aufgebaut werden, Bewegungsqualität lässt sich unmittelbar beurteilen und Belastungen können schnell angepasst werden.
Gerade für Anfänger oder Personen mit größeren körperlichen Einschränkungen kann eine persönliche Betreuung deshalb sinnvoll sein.
Gleichzeitig kann eine strukturierte Begleitung auch remote funktionieren, also über größere Entfernungen auch koordiniert werden.
Ein Trainingsprogramm kann beispielsweise mit Alltagsbewegung, Walking, Radfahren, Körpergewichtsübungen, Widerstandsbändern, Kurzhanteln oder vorhandenen Trainingsgeräten aufgebaut werden.
Entscheidend ist nicht, ob jemand 500 Kilometer vom Coach entfernt lebt.
Entscheidend ist, ob das Training messbar und systematisch gesteuert wird.
Was eine gute Remote-Begleitung benötigt
Damit Remote-Coaching mehr ist als das Versenden eines Trainingsplans, müssen regelmäßig relevante Daten betrachtet werden.
Dazu können beispielsweise Körpergewicht und Gewichtstrend, Trainingsleistungen, Trainingshäufigkeit, tägliche Aktivität, subjektives Belastungsempfinden, Regeneration und – sofern sinnvoll und zuverlässig messbar – Veränderungen der Körperzusammensetzung gehören.
Auch Videos einzelner Übungen können genutzt werden, um Bewegungsabläufe zu beurteilen und technische Hinweise zu geben. Die Aufgabe des Coachings besteht anschließend darin, diese Informationen zusammenzuführen:
Was funktioniert? Was stagniert? Wo muss die Belastung erhöht werden? Wo muss sie reduziert werden?
Genau dadurch entsteht aus einem Trainingsplan ein tatsächlicher Coachingprozess.
Ärztliche Betreuung und Training schließen sich nicht aus
Besonders wichtig ist diese Unterscheidung bei Menschen, die sich bereits in einer ärztlich betreuten Gewichtsreduktion befinden.
Die medizinische Therapie gehört in ärztliche Verantwortung.
Training, Bewegungssteuerung und die Entwicklung körperlicher Leistungsfähigkeit können parallel dazu stattfinden – idealerweise mit klar abgegrenzten Verantwortungsbereichen.
Auch das ACSM betrachtet Bewegung inzwischen ausdrücklich als Bestandteil einer umfassenden Adipositasversorgung und thematisiert die Zusammenarbeit von professionellen Coaches mit medizinischen Behandlungswegen.
Das bedeutet: Der Arzt behandelt die Erkrankung und verantwortet medizinische Entscheidungen.
Der qualifizierte Trainer beziehungsweise Coach steuert innerhalb seines Kompetenzbereiches Bewegung, Training, Progression und Leistungsentwicklung.
Eine solche Zusammenarbeit kann wesentlich sinnvoller sein als die Vorstellung, dass medizinische Therapie und Training zwei voneinander getrennte Welten darstellen.
Erfolg braucht deshalb mehr als eine Waage
Ein Gewichtsverlust von zehn Kilogramm sagt zunächst nur eines aus: Die Körpermasse ist um zehn Kilogramm gesunken.
Er sagt nicht automatisch, wie viel davon Fettmasse war. Er sagt nichts über Kraft oder Ausdauer. Er sagt nichts darüber, ob jemand heute Treppen steigen kann, ohne außer Atem zu geraten. Und er sagt bei einem Athleten nichts darüber aus, ob dieser nach der Gewichtsreduktion schneller, stärker oder leistungsfähiger geworden ist.
Deshalb sollten Fortschritte multidimensional betrachtet werden.
Bei einer gesundheitlich orientierten Gewichtsreduktion können beispielsweise relevant sein: Körpergewicht, Körperzusammensetzung, Taillenumfang, Alltagsaktivität, Kraft, Ausdauer und subjektive Belastbarkeit.
Bei einem Athleten können zusätzlich relevant sein: sportartspezifische Leistungswerte, Trainingsvolumen, Kraftwerte, Regeneration und Wettkampfleistung.
Die Waage bleibt ein Messinstrument. Sie sollte nur nicht das einzige sein.
Fazit: Das Ziel ist nicht weniger Körper – sondern ein leistungsfähigerer Körper
Ein Mensch mit Adipositas und ein Leistungssportler könnten körperlich kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem benötigen beide eine intelligente Steuerung ihrer Körperzusammensetzung. Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, ob Training sinnvoll ist.
Der Unterschied liegt darin, wie Training, Ernährung, Belastung und Regeneration dosiert werden müssen.
Bei einer gesundheitlich orientierten Gewichtsreduktion kann das zunächst bedeuten, wieder belastbarer zu werden, Muskulatur aufzubauen und Bewegung selbstverständlich in den Alltag zu integrieren.
Bei einem Leistungssportler kann es bedeuten, wenige Prozent Körperfett zu reduzieren, ohne dabei relevante Leistungsfähigkeit einzubüßen.
Und beides kann professionell begleitet werden – vor Ort im Training oder strukturiert remote.
Denn am Ende sollte erfolgreiche Gewichtsreduktion nicht nur eine kleinere Zahl auf der Waage produzieren. Sie sollte dazu beitragen, dass der Mensch seinen Körper besser nutzen kann.
Wissenschaftliche Quellen
American College of Sports Medicine (ACSM)
1. Physical Activity and Excess Body Weight and Adiposity for Adults / Position Stands and Consensus Statements.
2. Exercise for Weight Management. ACSM Fitness Trends 2026.
3. Obesity Care Exercise Specialist – evidence-based integration of exercise within comprehensive obesity care.
European Association for the Study of Obesity (EASO)
Framework for the pharmacological treatment of obesity and its complications. Nature Medicine, 2025.
Hsu R., Eiselt A.-K., Kompala T.
Expanding lifestyle intervention beyond “Diet and Exercise” in the GLP-1RA era. International Journal of Obesity, 2025.
Mountjoy M. et al.
2023 International Olympic Committee's (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs). British Journal of Sports Medicine, 2023.